Montag, 7. Mai 2012

Narratives Desinteresse

Ich weiß nicht, wo dieser Text hinführt, aber das war noch nie ein Argument für mich, nicht zu schreiben. Ich liebe es, gezogen zu werden, von einem Drang in Linienform, kein Raum sondern ein Fortschreiten der Zeichen, eine Entwicklung die nur meiner Logik folgt. Leider lässt sich nicht jeder verführen. Für sie ist das Dasein etwas mit objektiven Kategorien, die eine numerische Varianz ermöglichen bzw. numerische Unterschiede des Kontostandes, die stilistische Kategorien ermöglichen - is ja das gleiche...

Ich liebe es, zu sprechen, zu werben für eine Geschichte, über Finten, Humor, Clous, Wendungen, Brüche, Phantasien, Absurdität, Polemik und Rhetorik das Denken herauszufordern. Ich liebe rhythmisches Variieren, den musischen Aspekt von Sprache, die Vehemenz des Argumentierens, das Riskieren der eigenen Person als Einsatz, den Streit um Taktik und Strategie. Und stoße doch grundsätzlich auf Desinteresse.

Und jeder kennt nur einen Text von mir. Ein Gespräch. Einen Eindruck. Und es gibt nicht ein Vertrauen, dass das bisschen spontane Eloquenz vor Ort, die Fähigkeit zu differenzieren, fair und doch impulsiv zu sein, einen Grund haben könnte. Vielleicht auch der Wunsch, dass alles, was sich nicht in Geld messen lässt, bedeutungslos ist. Oder das unrockbare Hipstertum unserer Zeit. Wohlmöglich gar die Unsicherheit, was ein Mensch von einem anderen Menschen außer Connections und Flirts wollen kann. Wäre schon ironisch, wenn die Feministinnen das Selbstbewusstsein als Machismo diffamiert hätten, um die grundsätzliche Perspektive Kontakt = Sex oder Macht zu gewinnen. Ist unser kommunikatives Handeln wirklich eine solch utilitaristische Hässlichkeit geworden?

Mein Interesse an Auseinandersetzungen mit rhetorischem Drive mögen eine Nische sein, aber das Verführen durch Narrative ist eigentlich Popkultur. Siehe Kino. Siehe Serien. Siehe Fernsehen. Siehe Bücher. Siehe Steve Jobs. Wie kommt es eigentlich, dass wir alle so unfähig sind, zu diskutieren. Also wirklich zu diskutieren. Mit 'sich überzeugen lassen'. Mit wirklich offenem Ausgang. Mit spielerischen Formen des Arguments. Ohne reine Feststellungen, sondern mit ernst gemeinten Fragen. Man wird bereits missverstanden, doof angeguckt, wenn man zu gewissen Dingen ein unabgeschlossenes Verhältnis pflegt, Platz für andere Meinungen lässt.

Es tut mir leid, dies feststellen zu müssen, aber die meisten Menschen in Deutschland sind Diskutier-Schwächlinge. Wir haben durch unsere Propaganda-Geschichte ein Problem mit der Verführung. Der Glaube aber, man wäre gegen sie am besten gefeit, indem man jeden Austausch zwischen Menschen mit der gleichen festen Meinung beendet, mit der man begonnen hat, ist nicht mal einer römischen oder griechischen Provinz würdig. Das Vertreten einer Meinung als reine Wiederholung und Selbstversicherung ist peinlich und leider hoch aktuell im ach so schwärmenden Internetz. Wir sind keine Zuhörer mehr. Wir Netizens sind Schriftredner und solche erbärmlichen Laien, dass es wie oben beschrieben langweilig werden kann.

Ich fordere demnach: Denkt über die Überzeugung als Kunst nach, über eure eigene Verführung als reale Möglichkeit einer Konversation. Denkt über die Stilmittel und Erzählungen nach, die euer Tun tragen und mit Evidenz versehen. Die Werbung macht es längst. Die PR macht es längst. Die Politik macht es längst. Und wir sind bisher oft die naiven Opfer, die stur daran glaube, Narrative würden keine Rolle spielen. und wenn jemand diese leidenschaftlich erforscht, sei dies ein triviales Hobby. Niemand ist unpolitisch - auch wenn er das gerne hätte. Lasst uns auf überzeugende Erzählungen setzen! Und üben...

Zeit: ein lange Geschichte
Zustand: 3 Bier vor vier
Anlass: Schreibwut

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