Montag, 18. April 2011

Philosophie der Schlagfertigkeit (Rückblick auf die Republica 11)

Ich war optimistisch; mir dessen aber nicht bewusst als ich damals beschloss, ein 3-Tages-Ticket für die Republice 2011 zu kaufen. Schon der Preis allein sorgte für Erwartungsautomatik. Mit Optimismus ließ einen die rp11 dann auch zurück, wenn nicht gar allein. Ein kleiner Bericht.

Vortrags- und Verkündungsveranstaltungen funktionieren eigentlich über Gefälle: Jesus holt die Bibel vom Berg Ararat, wo seine Mutter sie ohne Internet geschrieben hat, und verkündet das, was andere noch nicht wissen (Zum Beispiel 'Nächstenliebe). Bei der "Blogger-Konferenz" ( Für kleine sog. "Microblogger" auch unter dem Tag #rp11 bekannt) hofft man jedoch, dass gerade die Szene, das Publikum die eigentliche Attraktion ist. Die Vorträge setzen im Idealfall nur die Themenagenda und dann diskutiert man. Ich vermute mal: Sie haben ihr Bestes gegeben.

Es ist natürlich allgemein gesprochen recht peinlich, Inspiration und Denken irgendwie outgesourced zu haben und nun sogar Eintritt dafür zu zahlen: Für Denken! Etwas lächerlich. Der Grad des Denkens nimmt natürlich ab, sobald es um Zahlen, um Befunde geht. Ich vermute, die ca. 50% Agentur und Wirtschaftsvertreter haben sich letzteres sicher gewünscht, um in ihre Welten etwas mitnehmen zu können. Der operative Nutzwert des Vortragswissens - im Sinne von "wie viele Blogger muss ich schmieren, um einen Schitstorm als Viral für mein Unternehmen zu nutzen und wie viel Reichtweite geniere ich damit in welcher Zeit." - stand nicht im Mittelpunkt. Ich meine das in Hinsicht auf Marketing, PR und Werbung uneingeschränkt positiv.

Es dominierten somit eher Anekdoten (vs. Zahlen), die gesetzten Themen der Sessions in ihrer gesellschaftlichen Dimension und: Vortragsrhetorik! Lobo, Dueck und andere hatten Ideen, die ihre Plausibilität hauptsächlich über eine gelungene Bühnenperformanz erhielten. Der gemeine Nerd will lachen und hofft, dass seine eigene gelebte Gehässigkeit irgendwo (z.B. auf der Bühne ) Schlagfertigkeit findet. Dass rhetorische Aspekte unserer Netzwelt untersucht werden, ist seit langem mein Wunsch und mein Hobby. Lobo hatte mit seiner Trollfoschung einen guten Riecher (Mist: schon wieder!!) den feministischen Workshop zu "Schitstorm - you can do it" habe ich leider verpasst, ebenso wie "Netzpoesie". Doch auch Designer, Pädagogen, Datenvisualisierer, Satire-Animatoren, Lobbyisten der digitalen Gesellschaft usw. haben über Technik, Infrastruktur und Rechtsordnungsfixierung hinaus über das Performative, das Handeln nachgedacht.

Vielleicht ist die Republica als Modell des produktiven "Getto-Gethers" so gar nicht eine Veranstaltung über das Internet, sondern der Sinn des Internets: Die Frage nach der Techniknutzung zu stellen und nach der besten Philosophie für die rhetorischen Kämpfe zu suchen - ob nun off- oder online. Je weniger Menschen sich an der Auseinandersetzung mit dieser Frage beteiligen, desto mehr werden bezahlte Diskutanten aus Public Relations und Werbung unser Richtig und Falsch und den Stil/ die Kultur unseres Handelns dominieren. Die Qualität des Publikums der rp11 ist hier bezeichnend: Viele teilnahmslose Trendscouts und Networker. Ein Business-Kindergeburtstag auf dem jeder das wiehernde Pony mit dem roten Iro-Schweif reiten will.

Die Frage nach der rhetorischen Dimension von Medienkommunikation muss weiter präsent sein und diskutiert werden; die diesbezügliche Professionalisierung in den Unternehmen ist bereits weit fortgeschritten. Das Top-Down unserer Netz-Kultur wird effektiver und die alte, neureiche Blogger-Elite hilft gerne und ist in dieser Hinsicht unpolitisch. Es gibt bessere Philosophien; und damit theoretisch erfolgreichere Rhetoriken. Lasst uns weiter an unserer Schlagfertigkeit arbeiten!

Zeit: nach zu viel flüssigen Drogen in Berlin endlich im Sonntagabend angekommen.
Zustand: 3 Tage nach dem Event mehr Schlagfertigkeit fordern... immer dieser Alkohol! :)
Anlass: Immer erst selber schreiben bevor man andere Nachberichte liest.

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