Samstag, 4. August 2012

Trinkgeld

Dieser Beitrag wird außergewöhnlich. wichtig. Ich finde, man sollte die Ansprüche immer hoch ansetzen, denn die Enttäuschung sollte unser Normalfall sein. Wer bei diesem rastlosen Turmbau gen Himmel nicht mithält, wird sich niemals größenwahnsinnig nennen dürfen... und das ist doch der einzig brauchbare Sinn und Zweck unseres Daseins, oder? Stein auf Stein. nach oben. und niemals ankommen. aber sich nicht mit einem überflüssigen Zweifel aufhalten: Wo kämen wir denn sonst hin? Obwohl eine Geschichte vom "Tunnelbau zu Babel" natürlich ihren Reiz hätte...

Das würde ich jetzt behaupten, würde ich vor euch stehen. Aber ich bin allein. derbe betrunken aber allein. und nun zuhause angekommen. im Blog der Trunkenbolde mit Restenergie angekommen. Der Taxifahrer mein letzter Freund in dieser Nacht; was sich spontan in einem absurden Trinkgeldexzess niederschlug. Wir werden uns nie wieder sehen. Nimm das Geld, kauf dir nen Eis, mein Kind. Erinnere dich gut an mich. Bis bald. Ich habe alles Unvergessliche versucht, was auf einer so kurzen Taxifahrt möglich war. Am Ende wurde mein Chauffeur sogar tatsächlich etwas nachdenklich. Ich glaube es ging auch um die selbstvergessen feiernden Deutschen, wie ich es einer war. Die Krise war immer noch eine weitere Nacht entfernt, noch marinierten sich die Alkoholleichen selbst, garten sich im eigenen Saft der selbstverliebten Rede bis zum unausweichlichen Morgengrauen. Wir Deutschen verfeierten unser Geld in Trinkhallen und kannten nur unseren Durst, nicht die Not des Nachbarn. Wir prassten. Zur ehrlichen Freude meines Trinkgeldempfängers.

Meine Nacht war kurz ausgefallen. Ausflug zu den Kollegen mit Festivität und Freibier. Es wurde gegrillt, mit Stempel vom Chef gab's das Sondermenü. Die erste große Runde Wodka war von mir schnell spendiert. Es wurde auf Fotos gepost, es wurden Geschenke ausgepackt und die Getränke lagen locker hinter der Theke. Ein Ausflug raus aus dem Üblichen, in die Nebenan-Szene, die sich trifft und lebt auch wenn man sie nicht sieht und ich mit meiner durstigen Mission zu Besuch. Keine Dancefloor-Party und doch die Dichte der interessanten Teilnehmer so hoch, dass es einiges zu erklären gab.

Der Transfer mancher Ideen kam voran. Es wurde wenig ausgelassen. (Ich glaube sogar, dass ich öffentlich über ein Gesichtstattoo nachgedacht habe. Oh Man) Das Geschehen lag nicht in der  Ausgelutschtheit der anwesenden Charakterköpfe und ihrer Kongruenz, ihrer Übereinstimmung, sondern in der variablen Art, zu agieren, abzutasten, zu agitieren ohne auf die immer gleichen Gesichtsgeschichten zu treffen, die Entwicklung gerne in ihrer Vergangenheit sahen. Der komische Geburtstagsgästemix als zufälliger Katalysator einer leicht funkelnden Kommunikation, als Wissen mit ein bisschen Überraschung.

Ist dies außergewöhnlich und wichtig? Nein. Aber mir inzwischen die liebste Form, den steten Suff zu verbringen. Artikulierend, gestikulierend, Neuheit herausfordernd, die unstillbare Neugierde an den Klippen der Langeweile entlang treibend und die Enttäuschung jagen, denn sie versucht sich immer wieder wendig dem Zugriff zu entziehen, wenn sie merkt, dass man sie beobachtet - ein unterhaltsames Schauspiel. Ich hatte nicht vor, es ihr leicht zu machen und drängte Gespräche in meine zwar wortreich verständliche aber doch auch zu wache, breite Welt, die immer noch eine Perspektive ergänzt, dem Dasein keine Ruhe lässt, bis man den Moment der Erschöpfung spürt, weiß, dass man Pausen einlegen muss, um in ein paar Minuten weiter nach neuen Wesenszügen jagen zu können, die das aufspringen lohnen, ohne zu früh als Gefahr aus den fremden Köpfen ausgeschlossen zu werden.

Der Austausch an sich war wertvoll, nur sehr wenige Gesichter sah ich regelmäßig, manche nur von weitem und doch sitze ich jetzt hier allein und empfinde Beleidigung, Enttäuschung, weiterhin Durst und trinke. Als seien all die Neu-Bekannten nur weitere Taxifahrer, mit denen man sein gedankliches Trinkgeld austauscht, manchmal Rückgeld rausgeben muss. Wir alle werden uns wohlmöglich nie wiedersehen und ich frage mich, ob hier etwas Denken verbreitet und gefestigt wurde, das je einmal auf diesen Abend zurückgeführt werden wird. Einige Impulse werden bleiben, wandern, werden nomadisch ihre Zelte in anderen Oasen aufbauen, Kamele, Karawanen füttern, die unsere geschärfte Formulierung verpackt als Sprichwort oder Bauernweisheit durch die Wüste tragen, um dann plötzlich in einem Songtext aufzutauchen, dessen Entstehung man beobachtet hat und Person für Person bis zu sich zurückverfolgen kann...

...und dann sitzt man dort allein. Und gibt einem Taxifahrer mehr und mehr Trinkgeld. weil er sich deine Erzählung anhören musste. und nicht wie der hiesige Leser diesen Text schon nach dem ersten Absatz abgebrochen hat. Ich war so weit, meinen letzten Zuhörer bezahlen zu müssen, ihn lieber auszuzahlen. Zumindest beschlich mich der bittere Gedanke, dass unsere Begegnung trotz meines verzweifelten Aufwandes nie als eine konkrete Bereicherung erinnert würde, ganz ähnlich wie die Texte in diesem Blog. Nur mein Geld war Währung, alles andere ein dankloses Geschenk, oft sogar Zumutung. Man zahlt wohl immer drauf. Prost und gute Nacht.

Zeit: allein
Zustand: ich kann noch trinken; aber das kann ich immer...
Anlass: Ich habe für meine eigene Erzählung bezahlt

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