Donnerstag, 15. März 2012

Die Gedanken sind Freizeichen

Ich muss mal wieder schreiben. Wirklich. Ich habe das Gefühl, ein Leben ohne Schreiben macht dich zum Sklaven dieser Welt. Der Glaube, ohne Manifestierungen bliebe die Qualität der Gedanken auf ewig gleich, ist Quatsch. Das Sein ist nicht raum- und zeichenlos.

Das alte Lied “Die Gedanken sind frei, niemand kann sie erraten” ist längst passé und war auch nie richtig. Ich komme aus einer Stadt, in der diese Melodie vom Glockenspiel des ehemaligen Bischofsitzes täglich gespielt wird, und dort ist es als Zeichen auch richtig, aber eben öffentlich. Nur ein Lied, das nicht gesungen wird, ist in seinen Gedanken frei. Alles andere ist doch ein gemeinsames Symbol, ein Zeichen, soll gerade wegen der Unfreiheit mobilisieren und Mut machen, die Gedanken zu öffnen.

Wir müssen unseren Weg singen in dieser Welt. Auch weil sich alles um uns herum wie ein Bischof als Gesetz und gesetzt geriert. Unsere Emotionen sind die letzte Bastion gegen die ekeligen Dampfmaschinen der Besitzstände. Wir müssen Schreiben und uns auch öffentlich reiben an jedem Arschloch, dass unseren inneren Dolchstoß nicht akzeptiert. Das Hirngespinst, es würde uns und unseren inneren Kosmos in der realen Welt geben, bleibt ohne Ein- und Ausdruck Illusion. Poesie und Sprache sind die einzigen Kampfmittel gegen das Vergessen des Menschen. Kämpft an gegen den Zeitgeist, für den persönlicher Einsatz Unterwerfung gleicht.

Die Abschottung unserer Geister macht zumindest keinen Sinn. Wir werden als Kopferemiten nicht stärker und besser. Immer dieser kleinmütige Glaube, man müsse bei einem Gedanken noch auf die abschließende Perfektion warten, bis man ihn veröffentlicht:  Fortschritt ist immer minimal, vorläufig und kein großer oder gar letzter Wurf. Bisher hat noch keiner ein Buch geschrieben, das diese Welt beendet hat. Und dass meine ehemaligen Akademiker-Kollegen lange Bücher schreiben, liegt hauptsächlich daran, dass sie den bisherigen Forschungsstand, Verfahrenssorgfalt und Zitierregeln beachten müssen. Was hat dies mit einem eigenen Gefühl zu dieser Welt zu tun? Weist euch nicht in der Sprache der “Wahrheit” aus: weicht aus. Auch ich schreibe hier frei und angetrunken...

Zum Ausweichen gehört auch ein Stück Unernst. Geht in viele Köpfe nicht rein. Besonders in die älteren. Die vielen Blogger, die meinen, sie hätten die Welt verstanden und sich vom Selbstverständnis noch im Bürgertum der 50er Jahren befinden, sind keine Poeten. Sie nehmen sich ernst, glauben, ihre Worte müssten in der ihrer Form immer im göttlichen Wahrheitsblatt gedruckt werden können, verbinden nie ihr eigenes Sein mit ihrer Perspektive, entwickeln keinen Pathos, keine Taktik im Kampf der Texte. Liebe Freunde: Die Wahrheit ist Sprache und Sprache ist Rhetorik und Rhetorik ist Parteiisch. Erlaubt euch den Rausch und seid in euren Texten wild. Der Brechbare ist berechenbar. Lasst euch nicht in Gerüsten einfangen, die nur Kartenhäuser sind. Werbt mit eurer emotionalen Integrität. Seid.

Es müssen auch keine Worte sein, mit denen wir uns ausdrücken, aber ein Leben ohne Ausdruck ist ärmer - so meine feste Überzeugung. Ich glaube auch nicht, dass Blogs tot sind. Googleplus z.B. ist der Inbegriff des Ernstes mit Klarnamen und sozialen Konsequenzen im realen Leben. Wie kann man diese Vögel respektieren, wenn sie dort ihre Texte unter den Augen ihrer Geschäftspartner diskutieren? Weshalb werden wohl die Handvoll Polemiker gehypt, die als rotbeschweiftes Ponys durch die Manege traben? All der unterdrückte Hass, für den es zu spät ist, der sich eingefressen hat in die Leben ohne Ventil, zynisches Dasein wohin man schaut, inzwischen unfähig einen eigenen Ausdruck zu finden, der alles wieder poetisch zusammenfügt. Rettet euch selbst, ihr Noch-Menschen!

Da der Pathos so selten geworden ist (wie das dürftige Archiv des Gonzojournalismus beweist):
Euer Gonzo auf halbem Niveau.

Zeit: wird unterschätzt.
Zustand: mit Bier vor dem Fernseher dümpelnd wieder aufgewacht
Anlass: Lobby des ernsten Internets.

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Copyright

Auch wenn es mir widerstrebt, die Nutzung von Wortfolgen durch eine Lizenz zu beschränken, muss ich dies notgedrungen tun. Anlass hierfür ist der Contentklau eines kommerziellen Anbieters, der Ergebnisse des Googlebots als Postings auf seinem Blog ohne Rücksicht auf bestehende Lizenzen veröffentlicht und diese auch noch selber unter cc (by-nc-nd)-Lizenz stellt. Alle Text-Inhalte dieser Seite stehen somit ab sofort und rückwirkend unter creative commons (by-nc-sa).

Als Quelle ist immer "drunken news" zu nennen.

Glücklicherweise war das Weblog, das diesem Verfahren ausgesetzt war, bereits mit einer cc-Lizenz ausgestattet.

Das automatisierte Verfahren des oben genannten Anbieters funktioniert wie folgt: Er ruft aktuelle Sucheingaben bei Google ab (im Falle dieses Blogs z.B. "drunken news"), crawlt den Content des ersten Inhalts/Postings, veröffentlicht diesen auf seiner Seite in quasi-zitierter Form, behauptet, der Content wäre von dem jeweiligen Blogger (mit Namensnennung) auf seiner Seite geschrieben worden, verlinkt den Suchbegriff auf seiner Hauptseite mit dem geklauten Inhalt in seiner Seite. Da seine Seite SE-optimiert ist, werden besonders bei kleineren Blogs seine geklauten Inhalte höher gerankt und führen somit zu Fehlclicks auf die falsche Homepage.