Samstag, 17. März 2012

Die Einfältigkeit des modernen Visionärs

Ich mach mir manchmal Sorgen um diese Welt. Um ihre Geschichten. Ich fühle mich manchmal wie damals, in den 20er Jahren als ich zwischen zwei Kriegen an den Exzess glaubte. Man sah das erste Mal, dass der Fortschritt Tod bedeuten konnte und kämpfte für die Macht der Kultur über die Verletzten.

Ich weiß noch genau, wie ich keine Rücksicht nahm auf die Weltanschauungen meiner Nachbarn. Es waren nicht mal Mitmenschen für mich, denn alles, was nicht Avantgarde war, schien sowieso durch die Zeit zu sterben. Es gab nur den Punkt in der Zukunft, der unaufhaltsam schien und uns deshalb die Last nahm. Wir wollten feiern und das Leben genießen. Die verschiedenen Geschwindigkeiten der Menschen mit ihren Kränkungen und Modernitätsschocks waren für uns nur Gegenstand von Belustigung.

Der Krieg hatte den Ausnahmezustand zur Normalität gemacht. Jeder hatte bereits gehungert, hatte jemanden in seiner Familie verloren, hatte gestohlen, demonstriert, die Politik beschimpft. Wir alle warteten nicht mehr auf einen Zustand der Ordnung. Man raffte täglich seine Energien zusammen und schuf einen Tag. Meine Tage waren meist gute Tage, denn ich hatte immer eine Idee. Ich kannte die Stufen von Fatalismus, Zynik, Sarkasmus, Satire, Ironie und Humor und verdiente damit mein Geld und meine Freunde. Und obwohl ich mich bemühte, immer angemessen auf die Menschen der veralteten Zeit zu reagieren, waren es abgehobene Tage.

Die Feiern schienen einen Großteil meiner Zeit zu beanspruchen. Es gab immer einen Anlass oder eine Motivation in die Stadt und ihre Ereignisdichte einzutauchen. Der Wunsch, mit anderen aber immer gleichen Menschen zu lachen, überlagerte die Unsicherheit um mich herum. Immer seltener hielt ich bei Bedürftigen an, interessierte mich nicht für die Verbitterten im Land, wünschte mir, einen jeden Bettler mit Geld abspeisen zu können, obwohl es ihre Geschichten waren, die meiner Aufmerksamkeit bedurft hätten.

Die Seelsorge war dahin. Und trotz meiner modernen atheistischen Haltung wünschte ich mir manchmal mehr Geistliche für den gebrochenen Stolz der Einfältigen. Ich spürte, dass ihr Dialog nur noch Sackgassen glich, in denen man hinterher nicht mehr klüger, sondern am Ende war. Es gab damals keine gemeinsame Zukunft der Menschen, die Geschichten waren zu schwach, zu staatspragmatisch, jeder Kompromiss ohne Pathos. Auch meine Kritik in meinen Texten war nur ein Nein, eine Opposition zu den Herrschenden.

Immer wenn ich an diese Zeit zurück denke, hoffe ich, dass es heute, knapp 100 Jahre später, anders ist. Ich hoffe, dass all die Zampanos, wie ich damals einer war, nicht auf den gleichen Selbstläufer der Zeit hoffen, hoffen, dass alles was unter dem Wandel leidet einfach ausstirbt. Die größte Gefahr, die mich damals von der Welt isolierte, war das Netz meiner Kontakte, das Echtzeitdasein, das mich von einem Event mit Gleichgesinnten und Partnern zum nächsten treib. Ich lebte in einem aufregenden Jetzt mit mir selbst und war damit zufrieden. Ich nahm der Welt übel, dass sie auch ohne mich existieren würde und rächte mich egozentrisch jeden Tag.

Zeit: die 20er sind um die Ecke
Zustand: ich trinke euch das Bier weg
Anlass: Auf Buchmessen als intellektuell überhöht Schreiber und Interneteliten

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