Sonntag, 4. Juli 2010

Freiwillige Micro-Payments bei Obdachlosenzeitschriften

Jeder Versuch, sich dieser Welt in Bild, Ton oder Text zu nähern, ist eine Anmaßung und war es immer schon. Es gibt wenige Beschreibungen, die alles berücksichtigen, jeden Aspekt eines Themas würdigen und somit eine Tendenz und Auswahl im individuellen Schaffen vermeiden.

Eigentlich müsste diese Erkenntnis zu einem locker gelebtem Sendungsbewusstsein im Journalismus führen. Er verkrampft jedoch beobachtbar in seinen Media- und Statistik-Abteilungen; er glaubt all den Kommunikationswissenschaftlern, dass es sich bei dem Publiziertem um ein messbares Produkt handelt; er hofft im betriebswirtschaftlichen Sinne, dass Erfolg auf Stabilität und Nichtabweichung basiert. Und die wundern sich, dass alles kaputt ist! Ein bisschen lächerlich..

Gibt es denn überhaupt noch einen befreiten Journalismus? Ja! und an unwahrscheinlichster Stelle: In Obdachlosenzeitschriften!

Rege mich ja gerne über einen journalistischen Impetus auf, der im Mäntelchen angeblicher Professionalität das bürgerliche Besserwissen im öffentlichen Raum Tag für Tag platziert und reproduziert. Das ‚Meine-Meinung-ist-wichtiger’ kann hierbei das implizite ‚Deine-Meinung-ist-unwichtiger’ nicht vermeiden und macht manche Presse-Persönlichkeit zu einer absurden Mischung aus Gutmensch, methodischer Unantastbarkeit (handwerkliche Ausbildung, wie Recherchieren etc.) und autoritärem Gehabe.

Ein Mensch muss nicht publizieren, um eine ernstzunehmende Meinung zu dieser Welt zu haben. Leider wird jedoch die ‚Öffentlichung’ diesbezüglich immer der Maßstab im Journalismus bleiben. Nach dem Motto: Wenn es gut wäre, hätte es ja seinen Weg in ein Bit- oder Druckwerk geschafft. Die Branchen-Hybris als blinder Fleck.

Die Obdachlosenzeitschriften sehen das schon qua ihrer Definition ganz anders. Hier geht es immer um Erdung, um Subjektive Erfahrung von Betroffenen, um dichte Geschichten der Tatsächlichkeit, nicht um den Zwang eines Publikums sondern nur um das Sendungsbewusstsein einer städtischen Wirklichkeit. Die Hefte, die ich in letzter Zeit in der Hand gehalten habe, haben aller befreit aufgespielt und überzeugt. Sehr gute Artikel, sehr gute Themenauswahl, unglaubliches Themenspektrum für so lokale Heftchen und sogar sauber produziert! (Von den sympathischen Verkäufern und Verkäuferinnen ganz zu schweigen)

Ich kann leider nur einen vereinzelten Eindruck einer solchen Zeitschrift bieten, da das sonst zu weit führen würde (will hier ja nicht über ne Stunde an nem Beitrag sitzen).

Da wird das Sparpaket in zwei Beiträgen durchgerechnet und sauber über die Konsequenzen aufgeklärt, in einem gut recherchierten Artikel über fanatische, türkische Märtyrer auf der Gaza-Hilfsflotte berichtet (Funkkontakt: „Shut up, go back to Auschwitz“, „Don’t forget 9/11“), gelungene Moscheebau-Projekte in Deutschland erzählt, über den Pfandmarken-Prozess in Sachen Recht ein Update unters Volk gebracht, da werden Versicherungslosen im Krankheitsfall alternative Wege aufgezeigt, lokale Sportverein-Dramen in Sachen Finanzierung transparent gemacht (bei Pächterwechsel fünffache Erhöhung und Bau von über 20 Stellplätzen), Geschichten über Obdachlose von Obdachlosen in Sachen Bettelbetrüger gebracht. Lokale Musiker kommen ins Portrait, Verlagspleiten werden aus Sicht von Autoren aufgearbeitet, Eltern zum Fahrradfahren auf dem Schulweg mit Tandems angehalten (Velos natürlich gestellt), das persönliche Engagement eines brasilianischen Priesters gewürdigt, ein Gospelchor, der sich „Gottes schwarze Schafe“ (sehr lustig!) nennt und als Schlachtruf ein lautes „Määhh“ von sich gibt, interviewt, ein Kabbaret in Schriftform eingebunden, Verkehrsrecht beim Zurückrollen erklärt, die Mühen und Mühlen einer russischen Hilfsinitiative (Partnerstadt) geschildert, Buchrezensionen gebracht (u.A. Terry Pratchett „Schöne Scheine“), Kirschrezepte ausgetauscht und in einem Kommentar über die deutsche Sprache in Sachen Lena philosophiert.

Sagt mal Leute: was will man mehr? Welches Ressort fühlt sich nicht vertreten? Alles mit lockerem Sendungsbewusstsein und recht nah am Leben. Auch in anderen Städten war das Niveau der Obdachlosenzeitschriften immer sehr hoch. Letztlich ist es ganz empirisch eine der wenigen Medienformen, für die man gerne beim Kaufpreis noch was drauflegt. Schon mal drüber nachgedacht?

Zeit:  Mahlzeit!
Zustand: ungeduscht und leicht reizbar
Anlass: Qualität von der Straße

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