Freitag, 4. März 2011

Verfügbare Zeit und Twittersolidarität

Ach, zwei Herzen schlagen in meiner Brust: Finde es bewundernswert, wie viel Masse und Qualität viele Netzbeiträger raushauen können; bin jedoch etwas angeekelt von dem Luxus, den viele Menschen in Form von Zeit haben und diesen Standard dann auch bei anderen Menschen als Maßstab ansetzen. Die Umtriebigkeit der Netzbildungsbürger ist exklusiv: Sie schließen genüsslich die Menschen in normalen Work-Life-Balance-Lebenssituationen aus. Der Mensch hat keine Zeit, sollte er klassische Arbeit müssen. Sein Wert ist auch in unserer schönen neuen Netzwelt unbestritten unterwertig.

Da fressen sich einige den Wanst voll mit Infos, neuesten News, Erbaulichem im Netz und merken nicht, dass ihr Lebensstil niemals Modell für alle sein kann. Der Sonnenstaat des Campanella sah noch ca. 4 Stunden Arbeiten pro Tag für alle vor und ansonsten Bidlung und Beten. Heute schwadronieren die Always-On-Adeligen durch das schnelllebige Netz und wundern sich über Menschen, die sich dieses Leben nicht leisten und abartige Ganztagsarbeit vollbringen. Da hilft auch keine wohlfeile Solidarität mit unterdrückten Twitterern in Ägypten für die man Tweets spendet. Dass es in Nordafrika konkret um Hunger geht und nicht um das Recht, offen seine Meinung darüber zu twittern, dass Hunger scheiße ist, verdrängen die Teilraubenden.

Die Zeit ist weiterhin Luxus, und jemand, der täglich 2 Blogbeiträge, 20 Tweets, nen Paar Kommentare in Fach- und Trendforen und auch noch Doktorarbeiten von Ministerns erörtern kann, ist ein Traum. Doch was ist dies für eine Art der Solidarität, wenn man all dies nur für sein Nethobby-Ego tut und nicht merkt, dass man damit nicht die tote Zeit des Großteils der Bevölkerung abschaffen kann? Es ist das reine Prassen. Und am Ende behaupten, man würde durch seinen Netzkonsum die Zeitkonjunktur ankurbeln...! so funktioniert die Welt leider nicht.

All die Energie, die hier in das Netz spielerisch eingespeist wird, all die Arroganz, die dort latent den Initiativen mit geringerer Schlagzahl (ein Twitteraccount auf Pause wir doch als Beleidigung empfunden!) entgegengebracht wird, all die Selbstherrlichkeit, die dem bildungsbürgerlichen Ego in nichts nachsteht: All dies ist so oberflächlich und an der Realität vorbei, dass ich manchmal kotzen könnte.

Der Glaube, kritisches Denken käme ohne Empathie und auch verbindliche Verbindungen z.B. mit weniger Zeitbetuchten aus, lässt mich erschaudern. Wir sehen einer weltfremden, neu-aristrokratischen Brut bei ihren Eskapaden zu, die den Bezug zum Verhältnis von Zeit zu Teilhabe einfach wegtwittert. Als wäre das Leben einfach und alle anderen machen es sich schwer, weil sie dumm sind.

Zeit: fortlaufend und teuer
Zustand: erschöpft von abhängiger Beschäftigung
Anlass: Der Müdigkeit diesmal nicht erliegen

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